Spanier im Europa-Dilemma

Dafür und zugleich dagegen – die Spanier hadern mit Europa. Durch das Brüsseler Spardiktat hat das Image der Europäischen Union im Land gelitten. Doch richtig Anti ist hier keiner – denn ohne Europa ginge es den Spaniern noch schlechter.

Von Nelly Theobald

Auf den Straßen und Plätzen Madrids teilen die Spanier vor allem eine Meinung: Die Europäische Union unterstützt sie nicht genug. Wer sich zwischen Cafés, Kathedralen und Museen umhört, spürt viel Frustration. Sie fühle sich weder von der Regierung noch von Europa unterstützt, klagt eine Studentin. Die Union solle sich mehr um die Krisenstaaten kümmern, verlangt ein älterer Herr. Doch ob die Europäische Union Spaniens Finanzprobleme lösen kann, darüber sind die Leute auf der Straße uneins. “Wenn unsere Politiker die notwendigen Reformen nicht hinbekommen, wie soll es dann die Europäische Union schaffen?”, beschwert sich ein junger Mann. Andere reagieren aber auch gleichgültig.

“Europa – nein Danke!” – so weit geht Spaniens Bevölkerung dann aber doch nicht. Und das, obwohl sich die Finanzkrise in keinem anderen europäischen Land so stark auf den Arbeitsmarkt auswirkt wie in Spanien. Viele finden keine Arbeit mehr. Der Unmut darüber treibt regelmäßig tausende Demonstranten auf die Straßen.

Dort, wo Pablo Casado arbeitet, ist von dieser Stimmung wenig zu spüren. Der 31-jährige Abgeordnete sitzt in einem fensterlosen Konferenzraum des Parlaments, Mikrofone an jedem Platz, massive Holzstühle mit grünem Lederüberzug, an der Wand Regale mit Büchern gefüllt. Pablo Casado mag die Straße nicht. “Politik findet nicht auf der Straße statt, sondern alle vier Jahre an der Urne”, sagt der Außenpolitiker mit breitem Lächeln. Seit einem Jahr stellt seine konservative Partei, die Partido Popular, die Regierung unter Premierminister Rajoy.

Unter seinen Altersgenossen ist Casado eine Ausnahme. Viele junge Spanier kennen sich kaum aus mit den Institutionen der Europäischen Union. Und ihre Haltung zu Europa ist widersprüchlich. Einerseits habe der Enthusiasmus dafür abgenommen, sagt José Pablo Ferrándiz, Vizepräsident des Umfrageinstitutes Metroscopia. Denn nur noch 30 Prozent der 18 bis 34-Jährigen hätten ein positives Europa-Bild. In älteren Generationen sieht es nicht anders aus. Trotzdem wollen etwa 70 Prozent der Spanier in der Europäischen Union bleiben, wie Ferrándiz’ Umfragen ergaben.

Dieser Widerspruch ist auch in der Politik zu beobachten. “Wir fühlen uns nicht bevormundet von der Europäischen Union, denn es ist nun mal für jedes Land der Union Pflicht, die Regeln einzuhalten”, sagt Casado. “Das hat Spanien aber nicht gemacht.“ Allerdings fühlten sich viele Spanier unverstanden: Denn ihr Land sei nicht vergleichbar mit den Krisenstaaten wie Portugal oder Griechenland. Spaniens Wirtschaft habe immer gut funktioniert. Da stimmt selbst der politische Gegner zu: Fremdbestimmt fühle man sich nicht, sagt David Lizoain von der Jugendorganisation der sozialistischen PSOE, der zweiten großen Partei in Spanien. Was die Spanier aber frustriere, sei  der eingeschränkte Handlungsspielraum innerhalb ihres eigenen Landes.

Beide wissen, es liegt auch an ihnen wieder mehr Akzeptanz für die Europäische Union zu schaffen. Doch da enden die Gemeinsamkeiten dann auch schon. Der Sozialist Lizoain meint, dass sich der Ruf Europas nur mit einem Richtungswechsel verbessern lässt: Der 30-Jährige will weg von der Sparpolitik für die er auch die schwarz-gelbe Bundesregierung in Berlin verantwortlich macht. Er könnte sich durch Zahlen der Meinungsforschung bestätigt fühlen: Metroscopia fand heraus, dass etwa 60 Prozent der Spanier auch der deutschen Regierung Schuld an ihrer Lage geben.

Der Konservative Casado dagegen unterstützt den Sparkurs. Ansonsten ist er aber sicher, dass seine Regierung Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsschwäche bald beseitigen werde. Damit käme die Zufriedenheit der Spanier mit der Europäischen Union von allein zurück. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Nach einer Studie der Europäischen Kommission sehen die Spanier genau bei diesen Problemen den größten Handlungsbedarf.

Jungpolitiker David Lizoain (PSOE)

Jungpolitiker Pablo Casado (PP); Fotos: Sarah Schultes

Einig sind sich die Spanier vor allem darin, dass der Euro die richtige Währung ist. Die Peseta wünscht sich nur jeder Fünfte zurück. Überhaupt sei es nahezu unmöglich, derzeit entschiedene Europa-Gegner im Land zu finden, sagt José Manuel Calvo, stellvertretender Chefredakteur von El País, einer der größten Tageszeitungen Spaniens.

Diese Haltung resultiert auch aus der Geschichte des Landes. “Spanien kommt aus einer 40 Jahre dauernden Diktatur”, erklärt Meinungsforscher Ferrándiz. “Den Beitritt unseres Landes 1986 zur Europäischen Union betrachteten die Spanier als Eintritt in eine zivilisierte, demokratische Welt.” Das Land habe damals viel Geld erhalten, um seine Wirtschaft zu stärken. “Das ist im Unterbewusstsein der Spanier geblieben.“ Und selbst heute – inmitten der Krise – halten sie zu Europa.