Mónica zahlt nicht mehr

Hunderttausende verschuldeten sich während des Immobilienbooms mit Billigkrediten – und stehen nun vor dem Ruin. Auch Mónica und ihren beiden Töchtern droht der Rauswurf aus ihrer Wohnung. Spaniens Regierung ignoriert das Problem.

Von Barbara Engels und Viktoria Kleber

Da sitzt sie, den Rücken krumm, auf dem grünen Sofa in ihren vier Wänden. Zwei Zimmer, Küche, Bad, der Fernseher der Nachbarn schrillt durch die Wände. Fast wären es ihre eigenen geworden.

Mónica hat einen Kredit aufgenommen für ihre Wohnung. Das war 2007, die Ecuadorianerin lebte damals zehn Jahre in Spanien. 215.000 Euro für 41 Quadratmeter in einem renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhaus im kahlen Südosten Madrids.

Alle kauften damals Wohnungen, die Träume waren groß und die Banken großzügig. “Manchmal wache ich auf und frage mich: Was habe ich nur gemacht?”, sagt die 44 Jahre alte Mónica heute, die Haut über den Handknöcheln weiß. Der Vertrag zerknittert in ihrer Hand.

Kredite für Unwürdige

Das Bett teilt sich Mónica mit ihrer zweijährigen Tochter Lorena. Die 17-jährige Jenny schläft nebenan, unter einer Amerikafahne, mehr als ein Bett passt nicht in ihr Zimmer. Alles drückt und zwingt und zwackt ein wenig in der Wohnung. Bad und Küche trennen dünne Plastiklamellen. Ein winziges Reich, das die Bank der Familie bald nehmen wird.

Mónica möchte ihren Töchtern eine schuldenfreie Zukunft bieten.

Mónica möchte ihren Töchtern eine schuldenfreie Zukunft bieten. (Foto: Viktoria Kleber)

In Spanien musste in den vergangenen vier Jahren fast eine halbe Million Familien ihre Wohnungen und Häuser verlassen. In der Krise verloren viele ihre Arbeit, konnten die Kredite nicht mehr tilgen, das Gericht schickt den Räumungsbescheid. Desahuciados sind sie, Zwangsgeräumte.

Die meisten von ihnen hätten nie einen Kredit bekommen dürfen, auch Mónica nicht. “Der Immobilienmakler sagte mir, kein Problem, er würde eine Bank für mich finden. Ich bräuchte nur einen Bürgen”, schildert sie. Sie fragt Jorge, ihren damaligen Mitbewohner, ob er einspringt. Heute sitzt er neben Mónica auf dem Sofa und kann nur noch mit dem Kopf schütteln, wenn er das hört. “Ich habe sie gebeten, lass das, das ist eine schlechte Idee”, erzählt er. Trotz Bedenken willigt er damals ein.

Keine Lösung

Mónica arbeitet hart, verlässt die Wohnung vor sechs Uhr morgens, kommt nicht vor neun nach Hause. 1.800 Euro verdient sie im Monat, 1.200 davon zahlt sie an die Bank. 2009, in der Finanzkrise, verliert sie mehrere Jobs, übrig bleibt die Putzerei, 960 Euro monatlich. “Ich habe die Bank gebeten, mir irgendeine Lösung anzubieten” erzählt sie. “Ich wollte doch zahlen, konnte aber nicht.”

Die Bank halbiert die Raten. Was Mónica erst später versteht: Die andere Hälfte zahlt sie durch ein zusätzliches, hochverzinstes Darlehen. Als das 2011 ausläuft, empfiehlt ihr die Filialleiterin der Bank, Geld zu erwirtschaften. “Ich solle doch eines der beiden Zimmer vermieten, meine 16-jährige Tochter arbeiten schicken und mein Baby tagsüber statt im Kindergarten bei einem Familienangehörigen lassen”, sagt sie. “Das sei die einzige Lösung.” Für Mónica ist es keine. Sie ist allein. Mónica hört auf zu zahlen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Ihre Schulden kann Mónica nicht mehr abbezahlen. (Foto: Viktoria Kleber)

Ihre Schulden kann Mónica nicht mehr abbezahlen.

Die spanienweite Plataforma de Afectados por la Hipoteca (PAH), Plattform der Hypothekenbetroffenen, hilft Menschen wie Mónica und Jorge. Dort arbeitet Daysi Silva, selbst mit mehr als 250.000 Euro verschuldet. “Irgendwann kommen nur noch schlechte Nachrichten”, sagt sie. Wenn die Kreditnehmer nicht mehr zahlen, fallen ihre Häuser und Wohnungen an die Banken. Nach dem Räumungsbescheid bleibt vielen nur die Obdachlosigkeit – und Zehntausende Euro Schulden.

“Wir informieren darüber, wie man diese Schicksalskette brechen kann, beraten sie psychologisch“, sagt Daysi Silva. „Wir geben ganz grundsätzliche Tipps: Macht euch Kopien aller Unterlagen, schreibt euch auf, welcher Bankangestellte euch wann bedroht hat, lasst euch alles schriftlich geben.”

105 Unterorganisationen hat die PAH inzwischen in ganz Spanien, sieben davon in der Region Madrid. Zu ihren Versammlungen in Madrid-Stadt kommen jede Woche fast hundert Betroffene. Bürge Jorge ist immer dabei. “In der PAH helfen wir uns gegenseitig”, sagt er. “Wir kämpfen gemeinsam, damit etwas passiert, damit unsere Forderungen Realität werden.”

Sie alle wollen, dass die Zwangsräumungen gestoppt und mehr Sozialwohnungen errichtet werden. Vor allem aber soll es möglich sein, dass die Schuldner ihre Häuser der Bank überlassen und danach schuldenfrei sind. „Bisher bieten uns Banken und Regierung nur Pseudolösungen”, klagt Jorge. “Ein Aufschub der Zwangsräumungen hilft uns zwar heute, aber morgen stehen wir mit noch mehr Schulden da.”

“Jeder ist für sein Tun verantwortlich“

Der Staat soll helfen, zu groß ist das Problem, zu viele sind betroffen. Aber die konservative Regierungspartei Partido Popular (PP) sieht bisher keinen Handlungsbedarf. “Wenn man einen Kredit aufnimmt und die Schulden nicht bezahlen kann, dann ist es die notwendige Konsequenz, dass man sein Haus verliert”, sagt Ildefonso Pastor, PP-Parlamentsabgeordneter. “Denn das Haus ist die Sicherheit der Bank.“ Aus seiner Sicht haben sich die Immobilienbesitzer selbst in ihre Zwangslage gebracht. “Jeder ist für das verantwortlich, was er unterschreibt”, sagt Pastor. “Und er muss die Konsequenzen dessen tragen – und sei es der Verlust des Eigenheimes.”

215.000 Euro Kredit hat Mónica aufgenommen, um die Wohnung zu kaufen

215.000 Euro Kredit hat Mónica aufgenommen, um die Wohnung zu kaufen. (Foto: Viktoria Kleber)

Die EU sieht das differenzierter. Im März urteilte der Europäische Gerichtshof, dass das spanische Hypothekengesetz dem EU-Verbraucherrecht widerspricht. Denn es verhindere Zwangsräumungen nicht, sondern schiebe sie bestenfalls auf. Doch auch das Urteil aus Luxemburg haben die Politiker bisher weitgehend ignoriert.

Mit Gottes Hilfe

Mónicas Lage bleibt aussichtslos. “Meine Familie in Ecuador sagt: Komm zurück, lass das dort drüben, und fertig”, sagt sie und zieht die kleine Lorena auf ihren Schoß. Viele frühere Einwanderer seien bereits in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt – ein Schuldenschnitt mit Füßen. Denn laut Gesetz können Banken die Schulden, die in Spanien entstanden sind, nicht in Ecuador einfordern. “Ich will auch nach Hause – aber ich gehe noch nicht”, sagt Mónica und streicht Lorena die Haare von der Stirn. “Ich muss eine Lösung finden, muss mit reinem Gewissen gehen. Ich will nicht sagen müssen ‘Ich habe versagt’. Ich bete zu Gott, dass ich bald meine Wohnung gegen meine Schulden eintauschen kann.” Lorena quengelt.