“Wir haben das Vertrauen der Bürger verloren”

feature picture IMG_7001_Blitz261

Demonstrant Alejandro Lopez und Jungpolitikerin Maria Fuster (Fotomontage: ¡Vamos!)

Alejandro Lopez, 22, studiert Grafikdesign und engagiert sich bei der politischen Organisation Colectivo 1984 des Madrider Stadtteils Aravaca-Pozuelo. Colectivo 1984 will Politik von der Straße aus verändern – sie organisieren Feste und andere Veranstaltungen.Maria Fuster, 28, ist Managerin bei der Consulting Firma Marcus Evans und seit elf Jahren Mitglied der Partido Popular (PP), die seit 2012 Regierungspartei ist. In deren Jugendorganisation ist sie für europäische Beziehungen zuständig. Sie ist auch Vizepräsidentin der Jugendorganisation der Europäischen Volkspartei (EVP).
Alejandro, warum gehen Sie auf die Straße?
Ich demonstriere gegen die Finanzkürzungen der Regierung. Gegen die vielen, radikalen Zwangsräumungen. Es gibt so viele Menschen, die ihr Studium abbrechen müssen, um zu arbeiten. Es sind zu viele, die das Land verlassen, um vermeintlich bessere Möglichkeiten zu suchen. Die arbeiten dann bei McDonalds in Deutschland.

Haben Sie den Eindruck, dass die Politik etwas gegen die Krise unternimmt?
Nein. Die Politiker kümmern sich nicht um uns Menschen: In meinem Wohnviertel gibt es kaum öffentliche Bildungseinrichtungen, keine Bibliotheken, kaum Verkehrsverbindungen. Wenn unsere Politiker sagen, es muss Spanien gut gehen, dann haben sie die Banken und die Firmen im Blick. Wir einfachen Leute sind für sie nur Nummern.

Könnten Sie sich vorstellen, in eine Partei einzutreten, um selbst politisch mitzugestalten?
Das ist keine Option für mich. Sobald du in eine Partei eintrittst, bist du Teil dieses Spiels und kannst nichts mehr ausrichten. Dann hast du plötzlich Freunde in dieser und jener Firma, die alle etwas von dir wollen. Unsere Welt ist vergiftet und korrupt…

Deshalb gehen Sie demonstrieren. Bringt das was?
Wir müssen laut sein und zwar so lange, bis die Politiker sich nicht mehr im Recht fühlen können. Noch denken sie: Es gibt zwar Demonstrationen, aber es gibt auch Polizisten, die die Demonstranten im Zaum halten - also geht mich das nichts an. Aber jetzt gehen wir direkt vor ihre Häuser. So fühlen sie sich immer unwohler. Sie sollen Angst haben und sich schämen.
Frau Fuster, in ihrem Land protestieren viele Menschen gegen die Krisenpolitik der Regierung und Korruption. Wie bestechlich sind spanische Politiker?
Korruption gibt es nicht nur in der Politik, auch in anderen Sektoren: im Sport, in privaten Firmen. In der Politik ist sie eine Ausnahme, aber dennoch inakzeptabel. Wir müssen dagegen vorgehen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass mehr als 60 Prozent unserer gewählten Politiker nicht für ihre Arbeit bezahlt werden. In den kleinsten Dörfern bekommen nicht einmal die Bürgermeister Geld. Sie leben von einem anderen Job. Das muss man erst einmal anerkennen.

Auf der Straße sieht man das anders. Nehmen sie die wütenden Bürger wahr?
Von Zeit zu Zeit gibt es Demonstrationen. Solange niemand persönlich angegriffen wird, ist es gut, dass die Menschen ihre Meinung kundtun. Aber um mitzuentscheiden, müssen sie sich anders organisieren, um wahrgenommen zu werden: Etwa eine Partei gründen oder Parteien beitreten. Sie müssen dauerhaft politisch arbeiten und nicht nur ab und an auf die Straße gehen.

Was tut die Regierung derzeit für ihre Bürger?
Die Regierung tut alles Mögliche, damit Arbeitsplätze entstehen. Das braucht aber Zeit. Auch wenn unsere Reformen nicht populär sind, ist die Sparpolitik alternativlos. Ergebnisse wird man erst in ein paar Monaten sehen.

Ein Großteil der Spanier hat aber kein Vertrauen mehr in diese Politik.
In der Tat klafft ein Graben zwischen Politikern und Bürgern. Wir haben das Vertrauen der Bürger verloren. Das müssen wir wieder zurückgewinnen. Wir müssen den Bürgern zeigen, dass wir sie repräsentieren. Wenn wir das nicht schaffen, wird die Kluft noch größer. Das bedeutet auch, dass wir uns mehr den Bürgern öffnen müssen. Etwa, indem wir mehr Jugendliche einbinden.

infobox politiks