Wirtschaftlich erfolgreiche Antikapitalisten

Ska-P oben

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Sozialkritik im Lotter-Look: Die spanische Band Ska-P widmet ein Album den Verlierern der Krise im eigenen Land. 15 Lieder über korrupte Politiker, Banker und Angst in den Köpfen.

Von Finja Seroka

Laut, eingängig und antikapitalistisch: Die spanische Band Ska-P begegnet in ihrem neuen Album 99% der allgegenwärtigen Krise. Es ist eine musikalische Momentaufnahme, eine Anklage. Und ein Manifest. Seine Kernbotschaft: Basta la opresión – Schluss mit der Unterdrückung.

Denn die 15 Lieder handeln davon, “wie ein Prozent der Bevölkerung die restlichen 99% unterwirft”. Ein Prozent – das sind für die Band die Politiker und Banker.

“Desde el nacimiento el miedo te acompañara” (se acabó)
Seit der Geburt begleitet dich die Angst

Es ist das erste Album der sechs Ska-Punk-Musiker aus Madrid, das während der Wirtschafts- und Finanzkrise erscheint. Wie für die Band typisch, beleuchtet sie die Krise sozialkritisch – einerseits auf amüsante, andererseits auf ernste Art. So thematisiert das Lied Alí Baba das Krisenthema Korruption in Form eines Märchens: Kinderstimmen rufen: “Papa, erzähl uns die Geschichte von Ali Baba.” Und dann fängt der Vater an – Roberto Gañan Ojea, genannt Pulpul, Sänger von Ska-P.

In Cantó a la Rebelión zeigt die Band ihre ernste Seite: Sie kritisiert die Regierung als repressiv, ruft dazu auf, ihr etwas entgegenzusetzen. Im Lied Se acabó (und damit Basta) sagt sie der Angst in den Köpfen der Menschen den Kampf an.

Musikalisch bleibt Ska-P damit ihrer Linie treu: Dem Ska-Punk, der ohnehin für eine antikapitalistische Haltung steht. Eine Mischung aus aggressivem Punk, kräftigem Rock, entspanntem Reggae und rhythmischem Ska zieht sich durch das Album. Es ist der Sound, der Ska-P in den vergangenen 19 Jahren nicht nur in Europa, sondern auch in Lateinamerika berühmt gemacht hat.

So tourte die Band mit ihrem letzten Album Lagrimas y Gozos (Tränen und Freude) auch durch Lateinamerika. In Montevideo kamen 10.000 Besucher zum Konzert. Im März waren die Musiker mit 99% in Mexiko, Costa Rica, Chile und Argentinien unterwegs.

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Salto Joxemi, Foto: Promo

In Deutschland ist Ska-P etwa für das Lied A la mierda (vom Album Tränen und Freuden) bekannt. Außerdem sind sie schon mit der Ska-Punk-Band Sondaschule und den Toten Hosen aufgetreten.

Sozialkritik ist ein Markenzeichen von Ska-P. In ihren sieben Alben wandten sich die Musiker schon oft gegen Gewalt und soziale Kälte. Auch gegen die in Spanien umstrittenen Stierkämpfe bezogen sie Stellung. Ihre Kapitalismuskritik trifft inmitten der Krise den Zeitgeist.

Die Haltung der Band vertritt Sänger Pulpul auch im Gespräch: “Die wirtschaftliche Globalisierung oder auch der Neoliberalismus, den die Regierung uns als Lösung verkauft, hat die Mittelklasse in Europa abgeschafft.” Damit macht der Frontmann die spanische Regierung auch für die derzeitigen Missstände verantwortlich: “Es ist eine Krise entstanden, die all unsere Freiheiten und unseren Fortschritt regelrecht brandschatzt.”

“Canto a la rebelión!  /Canto al luchador / Canto al soñador” (Cantó a la Rebelión)
Ich singe für die Rebellion / Ich singe für den Kämpfer / Ich singe für den Träumer

Pulpuls Urteil über die Politiker des Landes fällt verheerend aus: “Wir leben versunken in den Lügen unserer Abgeordneten, die uns schützen sollten, aber stattdessen die privaten Banken mit unserem Geld retten.” Die Verlierer der Krise hingegen würden vergessen: die ländlichen, strukturschwachen Regionen, die Dörfer.

Ska-P
- gegründet 1994
- Musikrichtung: Ska-Punk
- Mitglieder: Roberto Gañan Ojea, “Pulpul”Ricardo Delgado, “Pipi”José Miguel Redin, “Joxemi”,Julio César Sánchez, “Julitros”,Alberto Javier Amado, “Kogote”,Luis Miguel García, “Luis Mi”
- 2005 Auflösung der Band
- 2008 Wiedervereinigung
Ska-P Homepage

Umfragen zeigen, dass Pulpul mit seiner Meinung nicht allein ist: Die meisten Spanier haben kein Vertrauen mehr in ihre Regierung. Für sie ist kein Plan erkennbar, wie das Land aus der Krise kommen soll. Pulpul sagt, gleich für welche Partei man seine Stimme abgebe, man wähle die Märkte – also auch die Banker, die für die Krise verantwortlich seien. Deswegen singe Ska-P für die Rebellion der Dörfer. “Heute mehr als jemals zuvor”, sagt Pulpul.

Die Band ehrte ein Dorf mit einem eigenen Song: Das Lied Marinaleda ist einem kleinen Ort in Andalusien gewidmet, der sich der Regierung widersetzt. Seit Jahrzehnten sind die 2.700 Bewohner ein Zusammenschluss kommunistischer Farmer. Ska-P besingt auch 15 M, eine Protestbewegung der spanischen Jugend, hat ein Lied für sich.

“Vivir con miedo es morir en vida, se acabó!“ (Se acabó)
Mit Angst leben ist lebend sterben, und damit basta!

99% ist den Verlierern der Krise gewidmet, Ska-P dagegen gehört zu den Gewinnern. Die Musiker können wie sonst nur wenige in Spanien von ihrer Musik leben. Sie sind wirtschaftlich erfolgreiche Antikapitalisten. Se acabó!

 

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