Wenn die Risikoprämie die Hauptrolle spielt

 

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Sie schreien, sie tanzen, sie töten die Verantwortlichen der Krise auf der Bühne. Junge Schauspielerinnen kritisieren in einem Theaterstück die schwierige Situation Spaniens. Ihre Motivation: Revolution durch Kunst.

Von Eva Limmer

Elektrische Orgelmusik klingt blechern aus einem Smartphone. Drei junge Frauen stellen sich dazu im Dreieck auf. Sie lassen die Hüften kreisen, werfen die Haare zurück, schlagen sich auf den Hintern, tauschen laszive Blicke aus. “Sogar der heilige Augustin hat einmal gesagt: Ich habe die Sünde gesehen und, oh Gott, es hat mir gefallen”– einer ihrer Sätze aus der Probe.

Für die drei Schauspielerinnen Karina Garantivá, Sandra Arpa und Paula Rodriguez ist ganz klar, wer der Sündenbock ist: Machtgierige Politiker und Banker, die die Sünde nicht nur gesehen, sondern gelebt haben. “Wir denunzieren und klagen an. Theater ist ein sehr wirkungsvolles Instrument dafür”, sagt Sandra Arpa. Theater bedeutet für die Frauen, sich gegen Politik und Finanzwelt zur Wehr zu setzen.

Risikoprämie auf der Bühne

Ihr Proberaum liegt über einem Hinterhof eines Mehrfamilienhauses im Norden Madrids.  Primas de Riesgo nennen sich die Schauspielerinnen, Risikoprämie auf Spanisch. Risikoprämie, Staatsanleihe, Rettungsfonds: Solche Begriffe bestimmen die Schlagzeilen in Spanien seit der Krise. “Es kam uns so absurd vor, dass nur noch mit wirtschaftlichen Fachbegriffen kommuniziert wird. Deshalb haben wir uns bewusst diesen absurden Namen gegeben”, erklärt Karina Garantivá und lacht.

Naces, Consumes, Mueres heißt das Theaterstück, an dem die Frauen seit Mai 2011 arbeiten. Auf Deutsch: Du wirst geboren, du konsumierst, du stirbst. Normalerweise spielen sie zu viert. Aber Julia Mayano sucht zurzeit einen Job in Berlin und kommt nur zu den Aufführungen zurück.

Die nächste Szene: Wie Katzen vor dem Kampf schleichen die drei Frauen durch den Raum, beäugen sich, flüstern. Auf Socken rutschen sie über den grauen Boden. “Und, was machen wir jetzt?”, fragt Paula. Ein hilfloser Blick in die Runde. “Ich weiß es nicht”, sagt Sandra. Alle drei sinken auf ihren Stühlen zusammen.

Keine Kraft zu haben, hinzusinken: Das soll zeigen, wie sich die junge Generation in Spanien fühlt. Kein Job, kein Geld, keine Perspektive. Das betrifft inzwischen jeden zweiten Spanier unter 30 Jahren. “Wir sind die Generation, die zu spät zum Fest kommt. Wir müssen nehmen, was übrig bleibt und uns wird auch noch gesagt: Regelt das jetzt allein“, so Karina. Das Theaterstück ist für die Frauen mehr als ein Projekt. Mit ihrer Kunst wollen sie die Gesellschaft aufrütteln und verändern.

Geldgeber via Internet

Dafür brauchten sie Geld, was sie aus öffentlicher Hand nicht bekamen. Ihre Lösung:  Crowdfunding. Auf einer Internetplattform haben sie für ihr Theaterstück geworben. 9.000 Euro sollte das Startkapital sein. Zahlreiche Besucher ihrer Projektseite fanden das Konzept gut und spendeten Geld. Innerhalb von 40 Tagen hatten die Schauspielerinnen das Geld zusammen. Erste Auftritte gab es in Bilbao und Valladolid. Madrid soll folgen.

In Madrid treten die Primas de Riesgo Ende Mai auf.

In Madrid treten die Primas de Riesgo Ende Mai auf.

Im Proberaum dreht sich Sandra jetzt um die eigene Achse, schreit und reißt die Arme wild in die Höhe. Sie hat die Augen geschlossen, beißt sich auf die Lippen. Paula tritt im Takt von einem Fuß auf den anderen, die Haare fallen wie ein Vorhang vor ihr Gesicht. Karina zieht einen Stuhl heran, setzt sich mit gespreizten Beinen darauf. “Oh, ihr glaubt nicht, was das für einen Spaß macht”, stöhnt Karina.

Mit ihrem bewusst aufreizenden Spiel wollen die Primas de Riesgo mit der spanischen Gesellschaft ins Gericht gehen, die sich zu leicht verführen ließ. Die konsumierte und kaufte, ohne das Geld dafür zu haben. Gleichzeitig kritisieren die Schauspielerinnen Politik und Banken, die in ihrer Interpretation zum maßlosen Konsum angestiftet haben. Die Verantwortlichen müssen erst verschwinden, damit es wieder vorwärts geht. Im Theaterstück büßt ein skrupelloser Manager mit dem Tod. Und erst in den Szenen danach zeigen die Schauspielerinnen wie ein Neuanfang aussehen könnte.