Empört euch!

Sie gehen auf die Straße. Sie fordern eine neue Politik: Mehr Arbeitsplätze, mehr Banken-Kontrolle, weniger Korruption. Ein Einblick in Spaniens Protestkultur.

Von Finja Seroka

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Foto: Stefanie Dodt

Madrid, Bahnhof Atocha, 19 Uhr: Tausende junge Menschen rollen ihre Banner aus, strecken ihre Plakate in die Höhe. Darauf steht: Ohne Haus. Ohne Job. Ohne Angst.  Oder Arbeitsexil – nein, danke. Viele Demonstranten tragen gelbe und rote T-Shirts – die Farben Spaniens. In ihren Gesichtern spiegelt sich Empörung.

Den Protestmarsch an einem Sonntag im April hat die spanische Plattform Jugend ohne Zukunft organisiert. Sie ist ein Teil der Protestbewegung 15 M. Wieder einmal demonstrieren sie gegen die Arbeitsmarktpolitik der konservativen Regierung, nicht nur in Madrid, sondern zeitgleich auch an 32 anderen Orten. Denn die Jugendlichen sehen kaum noch eine Perspektive im eigenen Land.

Jeder Zweite der unter 30-Jährigen ist arbeitslos. Wer es sich zutraut, gut ausgebildet ist und mehrere Sprachen spricht, verlässt das Land. Allein 2012 packten 50.000 Spanier ihre Koffer. Das kann nicht die Lösung sein, denken viele Demonstranten. Sie wollen zu Hause in Spanien eine Chance, einen Job, eine Zukunft. Doch die Politik tue nicht genug, um die wirtschaftlichen Probleme zu lösen und die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Metroscopia denken 85 Prozent der 18 bis 34-jährigen Spanier, dass die Arbeitslosigkeit gleich bleiben oder sogar ansteigen wird. 85 Prozent bewerten ihre Regierung negativ.


19.30 Uhr: Die Demonstranten ziehen weiter, zum Platz Puerta del Sol. Musik dröhnt aus dem Bus, der der Menge vorausfährt. “Steht auf! Steht alle auf, um zu kämpfen, damit sie uns nicht unsere Zukunft klauen!“, ruft Raquel Huerta. Die 25-Jährige hat sich ein Mikrofon geschnappt – die Menge antwortet: “Wir zahlen weder Eure Krise – noch Eure Schulden!“

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Raquel Huerta, Juventud sin Futuro
Foto: Finja Seroka

Es ist nicht Raquel Huertas erste Demonstration. Wie viele sie schon mitgemacht hat, weiß die Studentin gar nicht mehr. “Die Politiker haben seit der Krise nur zu Sparmaßnahmen gegriffen, die fehlgeschlagen sind. Es wird Zeit, dass wir die Situation selbst in die Hand nehmen.“ Damit hat Raquel schon vor zwei Jahren begonnen. Sie war dabei, als am 15. Mai 2011 hunderttausende  junge Spanier auf dem Platz Puerta del Sol ihre Zelte aufschlugen. Der 15. Mai – die Geburtsstunde der15 M-Bewegung, die auch Die Empörten genannt wird.

Wochenlang hielten die Jugendlichen den Platz besetzt: Sie verlangten eine Regulierung der Finanzwelt, eine Null-Toleranz-Politik gegen Korruption, mehr soziale Leistungen und eine “richtige“ Demokratie. Auch in anderen Städten Spaniens nahmen Jugendliche öffentliche Plätze ein. Die Bewegung wurde landesweit und international bekannt.

Spanier vermeiden Konfrontation

“Die spanische Gesellschaft war überrascht“, berichtet Ariel Novara, Politikprofessor an der Universität Complutense in Madrid. Seit Jahren untersucht er die Protestkultur in Spanien. “Normalerweise setzen wir Spanier nicht auf Konfrontation.“

Und trotzdem: 15 M war von Anfang an bei den Spaniern beliebt. 80 Prozent unterstützten die Bewegung laut Metroscopia.

Heute ist die soziale Bewegung nicht mehr so sichtbar. Weniger Menschen gehen auf die Straße. 15 M ist nun eher in kleineren Gruppen in den Stadtvierteln aktiv – oft dort, wo die Verlierer der Krise wohnen. Wo Lösungen gefunden werden müssen, wenn mit Geld nicht mehr bezahlt werden kann – und zum Beispiel Zeitbanken entstanden sind.

Nur eine Minderheit ist organisiert

20.30 Uhr, Platz Puerta del Sol: Raquel Huerta und andere Jugendliche strömen zur Bühne neben dem Wahrzeichen Madrids, einem Bären neben einem Baum. Noch immer rufen sie ihre Parolen, viele Stimmen klingen heiser. “Kämpfen, demonstrieren – das ist der einzige Weg“, schallt es von der Bühne.

Raquel hätte sich gewünscht, dass heute noch mehr Menschen gekommen wären. Auch sie hat bemerkt, dass die Bewegung auf der Straße schwächer geworden ist. Obwohl die Probleme in Spanien jeden Monat größer werden, ist nur eine Minderheit selbst in Protestbewegungen organisiert.

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Ariel Novara, Poltikprofessor
Foto: Finja Seroka

Dass die soziale Bombe nicht explodiert, erklärt Professor Novara mit der Geschichte Spaniens: “Man darf nicht vergessen, dass der Übergang von der Diktatur zur Demokratie erst 35 Jahre her ist. Drei Generationen haben unter dem Franko-Regime gelebt und unter Unterdrückung gelitten. Zu demonstrieren traute sich niemand.“

Zu dem Trauma aus dem Bürgerkrieg 1936 bis 1939 käme das soziale Netz, was zumindest bisher verhindere, dass sich die ganze Bevölkerung gegen die Regierung auflehne. Denn wer in Spanien seine Arbeit verliere oder sein Haus verlassen müsse, finde oft bei Freunden und Familie Obdach.

“Trotzdem war der 15. Mai ein wichtiger Moment. Die Bewegung hat seitdem  unser Bewusstsein verändert und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden“, sagt Professor Novara. Wenn 15 M wirklich etwas verändern wolle, ginge das allerdings nur über die Politik. Bisher fehle aber eine Partei, in der sich die Bewegung wiederfinde. Novara hofft, dass sich das bis zu den Europawahlen 2014 ändert.

22.00 Uhr, Platz Puerta del Sol: Raquel Huerta  packt ihre Plakate zusammen, der Platz leert sich. Wie viele in der Protestbewegung kann sie sich nicht vorstellen, in eine politische Partei einzutreten. Denn das System und die Politiker haben sie zu sehr enttäuscht. Sie möchte Spanien lieber von der Straße aus verändern.