Geld spielt keine Rolle

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Statt mit Euro zu bezahlen, tauschen Krisenverlierer und Systemkritiker Arbeit gegen Arbeit und Zeit gegen Zeit. Regionalwährungen und Zeitbanken erleben in Spanien einen Boom. Warum die alternativen Wirtschaftssysteme für viele Menschen eine Stütze sind.

Von Thomas Schmelzer

Cecilia Berger steckt in den roten Zahlen. Die 48-Jährige sitzt vor ihrem Laptop und klickt sich durch ihr digitales Zeitkonto. “-5″ erscheint auf dem Bildschirm – damit hat Berger ihr Kreditlimit erreicht. Bevor die Grafikerin die nächsten Nachhilfestunden für ihre Tochter bezahlen kann, muss sie selbst arbeiten gehen. “Ich biete jetzt auch Deutschstunden und Basteln für Kinder an”, sagt sie. Die Nachfrage nach Grafikdesign ist in ihrem Stadtviertel zu gering.

Mit Geld bezahlt Berger Dienstleistungen in ihrer Nachbarschaft schon lange nicht mehr. Seit einem Jahr ist sie Kundin der lokalen Zeitbank “A2Manos” und handelt mit ihrer Arbeitskraft. Grafikdesign, Kochkurse und Deutschunterricht bietet sie an – Thai-Chi-Training, Nachhilfe und Englischunterricht kauft sie ein. Für jede Arbeitsstunde bekommt sie auf einer Online-Plattform einen Punkt auf ihr Konto gutgeschrieben und kann damit etwa die Physik-Nachhilfe für ihre neunjährige Tochter bezahlen. “Das könnte ich mir sonst überhaupt nicht mehr leisten”, sagt sie. Seit Beginn der Krise bekommt sie immer weniger Aufträge aus der Realwirtschaft.

Zeitbanken als Selbsthilfe

Wie Berger geht es vielen Spaniern. Auch im sechsten Krisenjahr liegt die Wirtschaft am Boden. Mehr als jeder dritte Bürger muss knausern, um mit seinem Geld bis ans Ende des Monats zu kommen. Nur noch 30 Prozent der Spanier traut der Regierung zu, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen. Das Vertrauen in die Marktwirtschaft ist noch mehr zerrüttet. Das haben Umfragen des Meinungsforschungsinstitutes Metroscopia aus dem Jahr 2013 ergeben. Immer mehr Spanier versuchen deshalb, sich selbst zu helfen – und probieren sich in alternativen Wirtschaftssystemen wie Zeitbanken aus.

Julio Gisbert ist einer der populärsten Vordenker der neuen Bewegung. Der Informatiker hat ein Buch mit dem Titel “Leben ohne Festanstellung” geschrieben und beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit alternativen Wirtschaftssystemen. In seinem Blog registriert Gisbert jede neue Zeitbank, Regionalwährung und Tauschbörse des Landes. Seit Beginn der Krise kennen seine Statistiken nur noch eine Richtung. In nur drei Jahren sind aus 150 Zeitbanken über 300 geworden.

Experten setzen auf Regionalwährungen

Trotzdem warnt Gisbert vor überhöhten Erwartungen an die alternativen Systeme. “Mit einer Zeitbank hat noch niemand seinen Kredit abbezahlt”, sagt der 48-Jährige. Gisbert bloggt jede Woche über Alternativ-Ökonomie – aber eigentlich arbeitet er in einer Bank. Statt Strick-Pullover trägt er Krawatte und Hemd. Er bestellt keinen Bio-Kaffee sondern Coca-Cola light. Für ihn sind Zeitbanken eine Hilfe, sich in der Nachbarschaft zu vernetzen, aber keine Alternative zur Marktwirtschaft.

Um wirklich etwas zu verändern, will Gisbert einen Schritt weiter gehen. Er fordert Regionalwährungen, mit denen die Mitglieder im Unterschied zu Zeitbanken nicht nur Dienstleistungen, sondern auch Lebensmittel oder Kleidung bezahlen können.

Die Miete wird mit Moras bezahlt

Eine der größeren Regionalwährungen in Spanien ist die Mora. Mit ihr kann man in der Provinz Sierra Norte, 70 Kilometer nördlich von Madrid, bezahlen. Über 400 Bewohner machen mittlerweile mit. Wie bei den Zeitbanken hat jeder von ihnen ein digitales Konto – nur wird hier nicht mit Zeitpunkten, sondern mit Moras gerechnet. Die Parallelwährung gibt es seit kurzem sogar als kleine Keramik-Münzen.

Franco Llobera ist einer der Mora-Nutzer und kauft damit Pizza, handgenähte Kleidung für seine Kinder und Yoga-Stunden ein. Er selbst verkauft die Eier seiner Hühner. Für ein Dutzend verlangt er drei Moras. “Für mich ist es gut zu wissen, dass mein Geld in der Region bleibt, wenn ich etwas kaufe”, sagt der 47-Jährige. Außerhalb seiner Region sind die Moras wertlos. Alle Kaufkraft bleibt vor Ort.


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Grafik: Zeitbanken in Spanien

Für Julio Gisbert haben die Regionalwährungen noch einen weiteren Vorteil. “Wenn wir die Mitgliedschaft in den Währungen an Bedingungen wie gerechte Bezahlung und Nachhaltigkeit knüpfen, entsteht langfristig vielleicht wirkliche eine bessere Parallelwirtschaft”, hofft er. Seine Zahlen geben ihm Zuversicht: Zählte er 2009 noch vier Regionalwährungen in Spanien, sind es mittlerweile 45 geworden.

Viele davon haben jedoch nicht mehr als Hunderte Nutzer. Obwohl die Mora relativ gut funktioniert, glaubt Serra, dass noch ein weiter Weg vor der Gemeinde liegt. Zwar bezahlen manche Mitglieder schon 30 Prozent ihrer Einkäufe und sogar ihre Miete mit Moras, aber für einen Großteil der Geschäfte bleibt der Euro die Hauptwährung. “Es gibt viele Sachen, wie Elektrogeräte, die man einfach nicht mit Moras kaufen kann”, sagt Llobera. Er würde das Moras-Netz am liebsten ausweiten.

Schwarzarbeit oder soziale Stütze

José García-Montalvo will genau das verhindern. “Da können wir auch gleich wieder Salz und Steine zum Handeln benutzen”, sagt der Arbeitsmarktökonom der Universität Pompeu Fabra aus Barcelona. Er befürchtet, dass Regionalwährungen und Zeitbanken wie Schwarzarbeit wirken und auf Dauer arm machen. “Ein paar Leute können mit solchen Systemen vielleicht nachhaltiger und sozialer wirtschaften, aber die aktuelle Krise lösen wir damit nicht.”

Für Cecilia Berger ist die Zeitbank dagegen neben der wirtschaftlichen Hilfe auch eine soziale Stütze geworden. “Wenn man merkt, dass es auch anderen so geht, fühlt man sich nicht mehr so allein in der Krise”, sagt sie. Berger ist in Argentinien geboren und es gewohnt, ohne den Staat zurecht zu kommen. “Wir erfinden gerade unsere eigene Wirklichkeit”, sagt sie.

Und die funktioniert momentan ziemlich gut. Während sich Berger durch die Angebote ihrer Zeitbank klickt, klingelt ihr Handy. Ein Nachbar ist dran und möchte Deutschunterricht nehmen. Als Berger auflegt, schreibt sie eine Notiz in ihren Kalender – nächste Woche wird sich ihr Zeitbank-Konto wieder füllen. “Die Nachhilfe-Stunden für meine Tochter sind gesichert”, sagt sie.