Schnäppchen im Krisenland

Vielen spanischen Firmen fehlt Geld. Sie suchen Investoren im Ausland. Deutsche Mittelständler nutzen ihre Chance und profitieren von der Krise – in mehrfacher Hinsicht.

Von Sarah Schultes

Eigentlich hatte Gunther Wobser keine Zeit. Eigentlich war sein Unternehmen ausgelastet. Doch dann kam der Brief mit der Anfrage aus dem spanischen Terrassa.

Gunther Wobser ist Geschäftsführer der Firma Lauda im baden-württembergischen Lauda-Königshofen, einer der weltweit führenden Hersteller von Heiz- und Kühlsystemen. Lauda ist eines der mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die von der Krise in Spanien profitieren. Und jetzt hat Lauda ein Tochterunternehmen in Terrassa.

Vor allem kleine und mittelgroße Betriebe traf die Finanzkrise in Spanien hart, in den vergangenen Jahren brachen die Umsätze drastisch ein. Den Firmen fehlt es an Kapital, um weiter zu produzieren. Die von der Immobilienkrise geschwächten Banken vergeben keine Kredite mehr. „Die spanischen Mittelständler werden finanziell erwürgt“, sagt Karl Bödding, Präsident der Wirtschaftsjunioren Madrid. Deshalb suchen viele Unternehmen gezielt nach Käufern, um zu überleben. Der Druck ist hoch: Die Zahl der Insolvenzen hat sich in den vergangenen sechs Jahren fast verzehnfacht.

Grafik Insolvenz

Auch der Kühlanlagenhersteller Ultrafilter S.L. in Terrassa nördlich von Barcelona hatte wirtschaftliche Probleme und suchte nach einem Käufer. Das Angebot landete auch im Briefkasten der Firma Lauda. “Wir waren am Anfang so stark ausgelastet, dass wir überhaupt keine Zeit hatten, uns darum zu kümmern“, sagt Geschäftsführer Wobser. Aufträge eines neuen Kunden nahmen die Produktionsanlagen voll in Anspruch. Doch das Angebot aus Spanien war so interessant, dass Wobser nach Terrassa reiste.

Angst vor einer zweiten Rezessionswelle

“Was wir dort gesehen haben, hat mir sehr gefallen”, schildert er. Neben der guten Infrastruktur gab es weitere Pluspunkte: Das spanische Unternehmen gehört zur gleichen Branche und ist ein Familienbetrieb wie Lauda.

In den vergangenen Jahren kauften viele deutsche Familienunternehmen kleinere und mittlere spanische Unternehmen, wie sich in einer Branchenstudie von Rödl & Partner zeigt: Die weltweit tätige Unternehmensberatung analysierte 2012 die Lage am spanischen Markt für ausländische Investoren, indem sie 49 spanische und deutsche Kreditinstitute befragte. “Unternehmen, die ihre Präsenz auf der Iberischen Halbinsel verstärken wollen, finden in den nächsten Monaten bestmögliche Rahmenbedingungen vor“, heißt es in der Studie. Ein Grund: 83 Prozent der Befragten fürchten eine zweite Rezessionswelle. Sie würde es vielen spanischen Unternehmen erschweren, ihre Schulden eigenständig abzubauen. Deshalb suchen sie sich Investoren.

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Sönke Schlaich, Wirtschaftsanwalt bei Rödl & Partner

Die Experten für Fusionen und Übernahmen von Rödl & Partner betreuen neben Lauda auch viele andere deutsche Firmen, die in Spanien investieren wollen. Deutsche Unternehmer fragten gezielt nach in Schieflage geratenen spanischen Betrieben, sagt Wirtschaftsanwalt Sönke Schlaich. Aber auch der Gegenseite helfen die Profis: Bereits 30 zum Verkauf stehende Unternehmen aus Spanien bieten sich bei der Unternehmensberatung in einer Art Partnerbörse an. “Das Attraktivste ist momentan der Preis”, sagt Schlaich. Produktive Betriebe sind zu Schnäppchenpreisen zu haben: In der Krise sinke der Verkaufswert mancher Firmen bis auf 50 Prozent.

Spanien als Sprungschanze

Diese Erfahrung machte auch Georg Wobser. Er stand in Terrassa vor 42 Mitarbeitern “mit einer guten Arbeitsmoral”, wie er sagt. Anfangs musste er Vertrauen schaffen: Die Spanier fürchteten, dass er das Unternehmen weiter verkaufen oder schließen könnte. Doch ein Betriebsausflug, zu dem Wobser die spanische Belegschaft nach Lauda-Königshofen einlud, beseitigte die Vorurteile gegenüber den Deutschen. Zudem setzt Lauda auf Fachkräfte aus Spanien: Wobser schickte keine Mitarbeiter aus Deutschland nach Terrassa, sondern stellt Einheimische ein.

Mit ihren Investments erschließen sich die deutschen Unternehmen nicht nur den spanischen Markt. “Spanien ist eine Sprungschanze nach Lateinamerika, denn Spanisch ist eine der meist gesprochenen Sprachen der Welt“, sagt Karl Bödding, Präsident der Wirtschaftsjunioren Madrid. Aus seiner Sicht hat das Land während der Krise mehr als nur preisgünstige Unternehmen zu bieten. Mit der Kombination aus deutscher Gründlichkeit und spanischer Pfiffigkeit ließen sich gute Geschäfte machen, sagt Bödding.

Seit der Übernahme von Ultrafilter S.L. hat sich die Krise in Spanien verschärft. Lauda merkt davon nichts. Denn 95 Prozent der Produktion aus Terrassa geht ins Ausland. Der Brief aus Spanien hat Wobsers Unternehmen nicht nur 42 neue Mitarbeiter beschert, sondern auch den Umsatz der Firma in Spanien gesteigert. “Ich kenne einige Unternehmen, die momentan in einer Schieflage sind und ich wünsche mir, dass sich mehrere deutsche Unternehmen dort engagieren”, sagt Wobser. “Die Deutschen vergeben dort eine Chance.”